Achterbahn der Gefühle: Eltmann siegt über sich selbst

Es war kein hochklassiges, aber ein sehr dramatisches Match am frühen Sonntagabend in der Georg Schäfer-Halle in Eltmann. Nur 300 Zuschauer wollten es sich trotz strahlenden Sonnenscheins nicht nehmen lassen, ihre HEITEC VOLLEYS anzufeuern. Und sie kamen auf ihre Kosten: volle 2:17 Stunden lang ging die Achterbahnfahrt, die Mannschaft und Zuschauer ziemlich rüttelte und schüttelte. Am Ende feierten sich die Mainfranken unten am Court und oben auf der Tribüne für ihren 3:2 Sieg gegen die Netzhoppers. Und für die Nervenstärke im ersten Satz mit Überlänge, das Comeback im vierten Durchgang und ihr konsequentes Spiel im packenden Tiebreak.

Mit 32 Zählern, davon 10 wichtigen Breakpunkten, und einer Angriffsquote von 62%, löste Diagonalangreifer Richard Peemüller seinen selbstkritischen Anspruch von Mitte der Woche voll und ganz ein. Nach dem missratenen Spiel in Giesen hatte er gefordert, dass man im Spiel gegen die Brandenburger frech und kämpferisch auftreten müsse. Von Zuspieler Merten Krüger in Szene gesetzt, riss Peemüller mit seiner kämpferischen Leistung und vor allem einer positiv aggressiven Körpersprache das gesamte Team mit sich und kassierte zu Recht die MVP Gold-Medaille als bester Spieler des Abends ein.

Das gebrauchte Mittwochsspiel in Giesen in den Knochen, Stammspieler Irfan Hamzagic weiter nicht einsatzbereit, Tobias Werner bis Sonntag noch krankgeschrieben. Dann knickte am Freitagabend der bereits am Rücken laborierende Außenangreifer Carlos Antony im Training um. Es brauchte keinen Kaffeesatz-Analysten, um auf eine schwierige Ausgangslage der Mainfranken für das Match gegen die brandenburgischen Gäste zu tippen. Zudem durften sich die Netzhoppers mit ihrem vorhergehenden Sieg gegen Lüneburg berechtigte Hoffnungen machen, in Eltmann den siebten Tabellenplatz und damit die Playoffs-Chancen weiter zu festigen.

Dennoch starteten die verbleibenden 9 Eltmanner und Headcoach Marco Donat mutig in die Partie, um nach einem 4:2 und 6:3 mit 8:6 in die erste Auszeit zu gehen. Bis 14:10 bestimmte Eltmann das Spielgeschehen, doch bei 16:14 waren die Netzhoppers wachgeworden und wehrten sich. Es entwickelte sich ein spannendes Spiel und bis 20:17 konnte sich keines der beiden Teams wirklich absetzen.

In der crunch time kam Peemüller auf Betriebstemperatur, der 22jährige Dresdner avancierte im letzten Satzabschnitt zum nervenstarken Diagonalangreifer und legte ab 24:22 mit ganzen vier Satzballpunkten vor. Die Gäste aus Brandenburg hielten jedoch bis 30:30 dagegen, dann markierte Peemüller seinen fünften Satzball und legte mit eigenem Aufschlag vor. In der folgenden, langen Rallye behalten die Mainfranken die Nerven und Filho deckelt mit einem satten Block den ersten Durchgang mit 32:30 für die Gastgeber.

Eltmann machte auch im zweiten Satz bella figura – bis 4:1. Dann berappelten sich die Dahmeländer und glichen aus. Bei 8:6 noch knapp in Führung, verloren die HEITEC VOLLEYS deutlich an Fahrt und über 9:10, 10:14 12:16, 14:19 und 17:24 dominierten nun die Netzhoppers das Spielgeschehen. Auch Libero Shunsuke Watanabe konnte mit einer tollen Laufarbeit nicht mehr viel zum Satzergebnis beitragen. Peemüller wehrte den ersten Satzball noch ab, doch beim zweiten Versuch sind die Brandenburger erfolgt, 18:25 und damit 1:1 nach Sätzen.

Die 10min-Pause nutzten beide Teams für eine erste taktische Analyse in ihren Kabinen. Jedoch nutzte Königs Wusterhausen den Lauf aus dem vorhergehenden Satz und startete gleich mit 1:5 in die nächste Runde. Und diesen Rückstand konnten die Franken nicht mehr zurückholen. Mit 3:8 ging es in die erste technische Auszeit und bei 5:9 schienen die Gastgeber endlich aufzuwachen, denn Tomas Halanda und Jonas Sagstetter über Außen, Mittelblocker Roosewelt Filho und – klar- Peemüller wehrten sich mit aller Kraft gegen die Dominanz der Brandenburger. Filho schaffte bei 18:21 ein wichtiges Break mit seinem Ass auf die Seitenlinie, doch das Team von Cheftrainer Mirko Culic schaltete einen Gang höher und stellte auf 19:23 und dann auf 21:24. Jurkovics wehrte sich noch einmal (22:24), doch auch hier sitzt der zweite Satzball und das 22:25 nur die Konsequenz des anfänglichen Punkterückstands.

Die Fans der HEITEC VOLLEYS hatten das Spiel wohl schon abgeschrieben, doch siehe da: ein Ruck schien durch das Team gegangen zu sein und Eltmann machte endlich wieder das, was man sich in der Woche vorgenommen hatte. Mutig starteten sie in den vierten Satz und legten bis zum 6:2 sehr ordentlich vor. Spiegelbildlich zum zweiten Satz: die Netzhoppers konterten und waren bei 8:7 wieder da. Sie nutzten das Momentum für eine zwischenzeitliche 9:12, konnten aber bei 12:12 wieder eingefangen werden. Unerklärlich die nun blank liegenden Nerven bei den Gästen, denn reihenweise gingen die Aufschläge bei den Gästen daneben. Selbst der sonst stoische Hauptangreifer Casey Adam Schouten schüttelte ungläubig den Kopf, als auch sein Aufschlag mitten im Netz zappelte. In der anschließenden wichtigen Phase des Spiels überzeugten wiederum Filho und einmal mehr Peemüller, der mit sechs Punkten in der zweiten Satzhälfte toll ablieferte. Die Geschichte des siegreichen vierten Satzes wäre aber ohne Mathäus Jurkovics Nervenstärke an der Aufschlaglinie nicht vollständig erzählt. Bei 13:13 ging der 21 Jahre alte österreichische Nationalspieler an die Aufschlaglinie. Seine Spezialität: der Flatteraufschlag. Jurkovics Nerven flatterten nicht, der Ball sehr wohl – fünf lupenreine Floats lieferte der 2,11 m große Mittelblocker ab, sorgte für mächtiges Rumoren in der Annahme der Netzhoppers und lieferte für vier Punkte in Folge die perfekte Vorlagen, für die sich Filho und Peemüller im Block bzw. im Gegenangriff bedankten. Die Mainfranken tankten durch die Mini-Serie bis 17:13 ordentlich Selbstbewusstsein, diesen geistigen „Sprit“ wurde durch die die tobende Halle zusätzlich zu hochprozentigem Oktan veredelt. Damit zündeten die HEITEC VOLLEYS die Nachbrenner, um nichts mehr anbrennen zu lassen. Besonders wirkungsvoll war die praktizierte Mischung aus Härte und Köpfchen beim Aufschlag bzw. gegen den Brandenburger Block. Halanda hatte seinen Service erfolgreich umgestellt und Peemüller zeigte viel Spielüberblick mit dem weichen Lob über die gegnerische Wand. Über 19:15 und 22:18 pirschte sich Eltmann an den kaum mehr geglaubten Tiebreak heran, bei 22:19 nutzte Donat die Auszeit für letzte taktische Ansagen. Peemüller legte bei 24:22 zum Satzball vor, doch Königs Wusterhausen beißt zurück und verkürzt auf 24:22. Symptomatisch dann der letzte Aufschlag der Gäste: der Ball geht ins Aus und Eltmann steht mit 25:22 im Tiebreak.

Der entscheidende Satz die nächste Berg- und Talfahrt in einer Achterbahn voller Gefühle. Beide Teams hellwach und wild entschlossen, den zweiten Punkt für die Tabelle mitzunehmen. Entsprechend wogte das Spiel hin und her, Krügers entschlossen gedrückter Ball gegen Westphal sorgte mit einem hauchdünnen 8:7 für den Seitenwechsel. Auch danach war es kein Spiel für schwache Nerven, denn bis 12:12 wollte keiner nachgeben, Eltmann profitierte dabei mächtig von seinen Fans, die ihr Team förmlich nach vorne schrien und trommelten. Erst Filhos und Halandas Doppelblock gegen Schouten reißt die Tür auf, es steht 13:12 und nur noch zwei Punkte fehlen bis zum Sieg. Wieder gehen bei den Netzhoppers die Nerven durch, denn der Angriff fliegt ohne Blockberührung ins Eltmanner Aus, Matchball und letzte Auszeit von Mirko Culic. Jetzt steht die ganze Halle: Filho schlägt auf, Westphal nimmt an und der Pass geht über Kopf zu Schouten. Und der wird wieder fett durch Halanda geblockt, der Ball prallt keine 2m hinter dem Netz auf! Halanda dreht sich um, reißt die Arme nach oben und schreit alle seine Emotionen heraus, denn sein Punkt markiert den 3:2 Sieg und das Comeback der HEITEC VOLLEYS gegen die Netzhoppers Königs Wusterhausen.

SILBER MVP bei den Netzhoppers Königs Wusterhausen wird Casey Adam Schouten (#3), GOLD MVP bei den HEITEC VOLLEYS Eltmann Richard Peemüller mit der #10.

Statements von HEITEC VOLLEYS Eltmann Headcoach Marco Donat und MVP GOLD-Gewinner Richard Peemüller (#10):

GOLD MVP Richard Peemüller: „Ich bin sehr glücklich über den heutigen Sieg. Stolz bin ich auf das Team, dass wir trotz des enormen Drucks, der wir hatten, den Sieg in Eltmann behalten konnten. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Spielen früher auf Betriebstemperatur kommen und konstanter spielen. Wenn wir unter der Woche hart daran arbeiten, können wir unser Ziel, den sportlichen Klassenerhalt schaffen. Heute genießen wir den Sieg und ab morgen wird wieder hart gearbeitet!“

Marco Donat: „Uns fallen einige Steine vom Herzen, denn wir wollten uns nach dem Giesen-Spiel vor unseren Fans in Eltmann rehabilitieren. Das haben wir heute geschafft. Es war ein sehr starkes Kampfspiel, was zwischenzeitlich von viel Nervosität auf beiden Seiten geprägt war. So ein Match gewinnt man nur mit fantastischen Fans im Rücken und das hatten wir heute. Das war ein ausschlaggebender Faktor neben unseren jungen Spielern, die frech und frei aufgespielt haben. Allen voran natürlich Richard Peemüller, der heute verdient die Gold-Medaille bekommen hat und mit seinen fantastischen Werten Garant für den Sieg gegen die Netzhoppers war.“